Am 31. Januar und 1. Februar 2026 trafen sich mehr als 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zur
Gemeinsamen Tagung des Heimatwerks Schlesischer Katholiken e.V. (HSK) und der Gemeinschaft
evangelischer Schlesier (Hilfskomitee) e.V. (GeS) im Erbacher Hof in Mainz. Die Beziehungen der
partnerschaftlich verbundenen Vereine gehen bis in das Jahr 1957 zurück, als es in Köln zu einer
ersten Begegnung von Vertretern der Gemeinschaft evangelischer Schlesier und katholischer
Schlesier kam.
Unter dem Thema „Ankommen der Flüchtlinge und Vertriebenen 1946 – Wie haben sie es geschafft?“
standen Schlesische Erfahrungen zwischen Verlust, Glauben und Neubeginn im Mittelpunkt des
Gesprächs zwischen Zeitzeugen und Vertretern der nachfolgenden Generationen.
Mit ihrem Manifest wenden sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in ökumenischer
Verbundenheit an die Verantwortlichen in der katholischen und evangelischen Kirche und darüber
hinaus an alle, die sich in Politik und Gesellschaft dem Zusammenhalt in unserem Land, einem guten
Verhältnis zu unseren polnischen Nachbarn und dem Frieden in Europa verpflichtet fühlen.
Dr. Bernhard Jungnitz (HSK) und Generalsuperintendent i. R. Martin Herche (GeS)
Mainzer Manifest katholischer und evangelischer Schlesier
Achtzig Jahre nach Flucht und Vertreibung aus Schlesien stehen wir an einem besonderen Punkt der
Erinnerung. Die Generation, die diese dramatischen Jahre selbst erlebt hat, wird kleiner. Umso
dringlicher wird die Aufgabe, die Erinnerung an Gewaltherrschaft, Krieg, Flucht und Vertreibung von
Millionen Menschen im Gespräch zu halten. Nur wenn wir Unrecht als solches benennen, werden wir
Verständigung erreichen und hoffentlich neues Unrecht und Gewalt vermeiden helfen.
Krieg, Flucht, Vertreibung, Gewalt in totalitären oder autoritären Herrschaften und deren Folgen sind
nicht nur Geschichte, sondern bestimmen die Situation von Millionen Menschen in der Gegenwart.
Umso deutlicher und dringlicher erwachsen aus der Erfahrung und Erinnerung der Vertriebenen
Aufgaben, dieses Erbe und diese Erfahrungen zu bewahren und an die kommenden Generationen
weiterzugeben – nicht als Last, sondern als Orientierung und als Beitrag zu einer gemeinsamen
europäischen Zukunft.
Die Geschichte der Geflüchteten und Vertriebenen aus Schlesien ist eine Geschichte von Leid und
Verlust – aber ebenso von Mut, Glaube, Neubeginn und großer Gestaltungskraft. Viele von ihnen haben
nach 1945 entscheidend zum Wiederaufbau in der Bundesrepublik und in der DDR beigetragen, obwohl
in der DDR Flucht und Vertreibung von den Regierenden zu Lasten der Betroffenen vor allem verdrängt
und verschwiegen wurden. Aber sie haben in beiden Teilen Deutschlands Spuren hinterlassen, die bis
heute wirken: in Kirchengemeinden und Vereinen, in sozialen Einrichtungen, in Politik, Wirtschaft und
Kultur.
Spirituelle Kraftquellen nutzen
Kirchliche Gemeinschaft, liturgische Erneuerung und die Orientierung an Gottes Wort gaben während
der Zeit des Nationalsozialismus und nach dem Krieg vielen Menschen Halt und Richtung. In den neuen
Heimatorten wurden vielfach neue Kirchen errichtet. Gottesdienste, Wallfahrten und Freizeiten wurden
zu wichtigen Orten der Stärkung.
Wir bestärken die Kirchen darin, ihrer Verantwortung für Seelsorge und Gemeinschaft stärkende Rituale
auch unter den sich verändernden Bedingungen bestmöglich nachzukommen.
Wir ermutigen dazu, die Angebote der Kirchen wahrzunehmen und aus den geistlichen Quellen zu
schöpfen und sich zu stärken.
Unsere christlichen Vertriebenenorganisationen haben erfahren, dass Versöhnung möglich und zugleich
bleibende Aufgabe ist. Sie braucht Zeit, aber zerstörtes Vertrauen kann neu wachsen. Interesse am Leben
der anderen, Mut zur persönlichen Begegnung und die Bereitschaft zu vergeben – all das eröffnet Wege
der Verständigung. Diese Erfahrung bringen wir in heutige Versöhnungs- und Friedensprozesse ein.
Kränkungen benennen und heilen
Neben Dankbarkeit für erfahrene Unterstützung erinnern viele aus der Erlebnisgeneration auch an
Zurückweisung, Ausgrenzung und die lange Tabuisierung ihres Schicksals. Vieles von ihrem
Engagement wurde nicht gesehen oder nicht gewürdigt. Wir fragen: Wer schenkt den Betroffenen heute
ein Wort des Verständnisses und der Entschuldigung?
Integration statt Assimilation
Vertriebene konnten sich dort besonders gut einleben, wo ihre Sprache, Kultur und religiöse Prägung
geachtet wurden. Daraus ziehen wir eine Konsequenz für heute: Menschen, die aus anderen Ländern
und Kulturen zu uns kommen, sollen nicht „wie wir“ werden müssen. Wir achten ihre Eigenart und
geben ihnen Raum, sich mit ihren Fähigkeiten und Erfahrungen zum Wohl unserer Gesellschaft
einzubringen.
Unsere Verbundenheit mit Schlesien – ein Gewinn für Europa
In den letzten Jahrzehnten haben viele von uns in den schlesischen Herkunftsgebieten Partnerschaften
aufgebaut: mit Gemeinden, Orden, Kommunen, Vereinen und wissenschaftlichen Einrichtungen.
Verständnis für einander ist gewachsen. Freundschaften sind entstanden. Diese Erfahrungen zeigen,
dass unsere Kontakte nach Mittel- und Osteuropa unseren Horizont erweitern, gute Nachbarschaft
fördern und den europäischen Zusammenhalt stärken.Begegnung bleibt ein Schlüssel für Frieden.
Ausblick
Dieses Manifest möchte die Erfahrungen und Einsichten der Generation von Flucht und Vertreibung
nicht nur bündeln, sondern auch darauf aufmerksam machen, wie wichtig die Themen von Flucht,
Vertreibung und Neuankommen für Wissenschaft und Bildung sind. Es ist ein Appell, aus der
Vergangenheit zu lernen, Versöhnung zu leben und das Gemeinwohl in den Mittelpunkt zu stellen. Es
lädt dazu ein, Integration als Bereicherung zu verstehen, ökumenische Gemeinschaft zu stärken und den
Blick nach Osten zu weiten.
Mit der Erinnerung an Gewaltherrschaft, Krieg, Flucht und Vertreibung von Millionen Menschen
verstehen wir den Ruf „Nie wieder Gewaltherrschaft und Krieg!“ als eindringlichen Appell und als
Ermutigung, sich im Großen wie im Kleinen für Frieden einzusetzen.
Mainz, am 1. Februar 2026
Dr. Bernhard Jungnitz und Generalsuperintendent i.R. Martin Herche
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