Kurzbeschreibung und Herkunftsgeschichte des Heimatwerkes Schlesischer Katholiken

 

 

Schon bald nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Katastrophe der Vertreibung von über drei Millionen Deutschen aus Schlesien, davon etwa die Hälfte Katholiken aus dem Erzbistum Breslau, in den Jahren 1945 und 1946 vorwiegend nach Westdeutschland (britische und amerikanische Zone), aber auch nach Mitteldeutschland, gab es unter den Vertriebenen, die nun in der Fremde und Zerstreuung leben mussten, Sammlungsbewe-gungen, um schlesische Kultur und Bräuche zu pflegen, insbesondere die schlesische Reli-giosität in Gemeinschaft leben zu können und die Erinnerung an die entrissene Heimat wach zu halten. Derartiges konnte zunächst – wegen des von den Besatzungsmächten erlassenen Versammlungsverbotes – nur unter dem Dach der Kirche erfolgen. Ein erstes derartiges Treffen katholischer Schlesier fand am 19. Okt. 1946 in Augsburg statt, am 8. Juli 1947 folgte ein weiteres Treffen in München. Dieses Datum ist das Geburtsdatum der Eichendorffgilden, Sammlungen der katholischen Schlesier in Westdeutschland. Eichendorffgilden verbreiteten sich nicht nur in Bayern, sondern fanden sich später auch nördlich des Mains insbesondere im Rheinland und Ruhrgebiet, in Westfalen und in Niedersachsen.  Um den religiös-kulturellen Aspekt der Eichendorffgilden stärker zu betonen,  wurde 1951 vereinbart, dass jede Eichendorffgilde den Namenszusatz „Heimatwerk Schlesischer Katholiken“ führt. Es handelt sich um die erste Erwähnung des Namens Heimatwerk Schlesischer Katholiken.

Im Verlauf der fünfziger Jahre wurde intensiv über die Notwendigkeit eines Zusammen-schlusses der Eichendorffgilden und anderer schlesisch-katholischer Verbände zu einen Bundesverband oder Dachverband – durchaus kontrovers – diskutiert, um für katholische Schlesier eine zentrale Repräsentanz zu haben, die deren Anliegen mit dem nötigen Rückhalt einer breiten Basis zu vertreten vermag. Gegen Ende dieses Jahrzehnts, vom 31. Okt. bis 2. Nov. 1958, fand im westfälischen Münster ein von ca. 3000 Teilnehmern besuchtes Treffen der Eichendorffgilden-Heimatwerke statt, in das auch die Vereinigung der Matthesianer – Absolventen und ehemalige Lehrkräfte des katholischen Breslauer Matthias-Gymnasiums – eingebunden war. Diese äußerst öffentlichkeitswirksam zele-brierte Versammlung im Franz-Hitze-Haus, wozu auch ein Empfang bei dem Oberbürger-meister im Rathaus der Stadt Münster, eine Festversammlung in der Aula des Gymnasiums Paulinum, ein Heimatgottesdienst der Schlesier im Hohen Dom zu Münster und die Abschlusskundgebung im Stadttheater Münster gehörten, stand unter dem Motto „Schlesien als deutsche Aufgabe und europäische Verantwortung“. Namhafte Akteure und Redner waren Dr.  Rudolf Jokiel, Dr. Dr. Bernhard Stasiewski, Msgr. Oskar Golombek, Clemens Riedel MdB, Alois Alder, Pfr. Gerhard Moschner, Prof. Dr. Karl Schindler, Weihbischof Dr. Josef Ferche und Dr. Richard Jaeger, Vizepräsident des Deutschen Bundes-tages. Diese Versammlung ist als ideelle Gründungsveranstaltung des Heimatwerkes Schlesischer Katholiken als Dachverband einer großen Zahl schlesisch-katholischer Vereini-gungen/ Verbände in der Bundesrepublik Deutschland anzusehen. Die formelle Gründung des Heimatwerkes Schlesischer Katholiken als Dachverband selbständiger  schlesisch-katholischer Vereine und Verbände, aber auch fördernder Einzelmitglieder, erfolgte dann in mehreren Schritte, zunächst als nach außen hin agierendes und repräsentierendes „Heimatwerk Schlesischer Katholiken“ als ein nicht eingetragener Verein mit einem Präsi-dium an der Spitze und sodann mit einem Rechtsträger für das „Heimatwerk Schlesischer Katholiken“, nämlich der „Hauptstelle des Heimatwerkes Schlesischer Katholiken e. V.“ Letzterer Gründungsschritt erfolgte am 4. Okt. 1960 in Köln. Die Eintragung der „Hauptstelle des Heimatwerkes Schlesischer Katholiken“ in das Vereinsregister beim Amtsgericht Köln geschah am 28. Nov. 1960.

 

Heutige Aktivitäten innerhalb Deutschlands (kirchlich, zivilgesellschaftlich)

 

Nach dem strukturellen Umbau des Heimatwerkes Schlesischer Katholiken im Jahre 2015 zu einem Verein sowohl bürgerlichen als auch kirchlichen Rechts mit natürlichen Personen als Mitglieder sind es derzeit folgende Aktivitäten, die das Leben des Heimatwerkes Schlesischer Katholiken e.V. wesentlich charakterisieren:

  • Jahrestagung und Mitgliederversammlung zu Anfang eines jeden Jahres
  • Historisch-politischer Arbeitskreis in der Mitte eines jeden Jahres
  • Förderung des Zusammenhalts der Vereinsmitglieder mittels zwei Info-Briefen  pro Jahr„ jeweils zu Palmsonntag und Sonntag Christ König
  • Zusammenarbeit mit den organisierten Katholiken aus der Grafschaft Glatz und  dem  Branitzer Gebiet
  • Kontaktpflege zu den heutigen polnischen Bistümern auf dem Gebiet des ehemaligen Erzbistums Breslau und insbesondere zu den dortigen deutschen Katholiken,  z. B. mittels Förderung der deutschsprachigen Kompetenz in der Seelsorge
  • Kontaktpflege zum Bistum Görlitz
  • Teilnahme an den Katholikentagen mit einem Stand
  • Teilnahme an den Treffen der Landsmannschaft Schlesien mit einem Stand
  • Kontaktpflege zu den evangelischen Schlesiern
  • Berichterstattungen über die Aktivitäten des Heimatwerkes

 

Heutige grenzüberschreitende Aktivitäten (kirchlich, zivilgesellschaftlich)

 

Der Zusammenbruch des Kommunismus und des Eisernen Vorhangs 1989/90 hat es ermöglicht, dass das Spektrum der grenzüberschreitenden Aktivitäten des Heimatwerkes erheblich erweitert werden konnte. Waren es bis zu diesem Datum insbesondere Kontakte zu kirchlichen Stellen der Erzdiözese Breslau/ Seelsorge für die Deutschen in der Erzdiözese Breslau, durch die Hilfstransporte für Notleidende möglich wurden (später kamen Kontakte zu kirchlichen Stellen der Bistümer Oppeln und Gleiwitz sowie Unterstützung des Auf- und Ausbaus der dortigen Seelsorge für Deutsche hinzu) , so entwickelten sich alsbald Kontakte zu den sich bildenden Deutschen Freundeskreisen (DFK, heute NTKS), die bis heute fortbestehen und gepflegt werden und sich z.B. in der Durchführung gemeinsamer Wandertage in Schlesien konkretisieren.

 

Perspektiven für die Zukunft

 

Zweifellos gehört es zu den herausragenden Leistungen der nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Bundesrepublik Deutschland, Millionen von Deutschen, die aus dem Osten Deutschlands – also östlich von Oder und Neiße – und aus deutschen Siedlungsgebieten in Ost- und Südosteuropa vertrieben worden sind, in die ansässige Bevölkerung integriert und gleichwohl den Vertriebenen ihre Liebe und Sehnsucht zur verlorenen Heimat belassen zu haben, beispielsweise mittels Bildung landsmannschaftlicher Vereinigungen.  In Mitteldeutschland, unter dem kommunistischen Regime der Deutschen Demokratischen Republik, war dies nicht möglich.

Im kirchlichen Bereich im Westen Deutschlands ist die Entwicklung grundsätzlich ähnlich verlaufen. Der Integration der Gläubigen in die bestehenden diözesanen und pfarr-gemeindlichen Strukturen stand die Anerkennung einer eigenständigen religiösen und kulturellen Identität der Vertriebenen und darauf gründend die Gewährung einer Sonder-seelsorge für die Vertriebenen gegenüber. Allerdings ist zu beobachten, dass die Zuwen-dung, die die katholischen Vertriebenen von Seiten ihrer Bischöfe zunächst erfahren hatten, sich sukzessive – im zeitlichen Verlauf festzumachen an den Entspannungsschritten zwischen West und Ost – rückentwickelte und Ende 2016 – siebzig Jahre nach Kriegsende und Vertreibung – mit dem Wegfall des Sonderseelsorgesystems mittels Visitatoren zu einem fast vollständigen Ende gekommen ist.

Das Heimatwerk Schlesischer Katholiken e.V., das bis Mitte der 2010er Jahre mit der Visitatur Breslau – Branitz – Glatz zusammengearbeitet und von dort auch Unterstützung erfahren hat, wird fortan völlig eigenständig handeln und sich behaupten müssen. Um dazu in der Lage zu sein, hat sich das Heimatwerk mittels umfangreicher Neufassung seiner Satzung auf die Zeit nach 2016 intensiv  vorbereitet. Die erforderlichen Schritte haben die Mitgliederversammlungen sowohl des Vereins „Heimatwerk Schlesischer Katholiken“ und des Vereins „Hauptstelle des Heimatwerkes Schlesischer Katholiken  e.V.“ am 1. Februar 2015 vollzogen. Der Dachverbandcharakter und die damit verbundenen Doppelstrukturen des Heimatwerkes werden nicht fortgesetzt. Zukünftig firmiert das schlesische Heimatwerk unter der Bezeichnung „Heimatwerk Schlesischer Katholiken e. V.“ und freut sich über Mitstreiter, die an Schlesien interessiert sind!  

 

Literaturhinweise/ Zeitschrift

 

Eine eigene Zeitschrift gibt das Heimatwerk Schlesischer Katholiken e.V. nicht heraus. Berichte über Aktivitäten des Heimatwerkes werden regelmäßig in den zweimal pro Jahr verschickten Info-Briefen mittgeteilt. An den Info-Briefen Interessierte mögen sich an den u. g. Ansprechpartner über die im Impressum genannte E-Mail-Adresse wenden!

 

Auf folgende ausgewählte Publikationen, an denen das Heimatwerk Schlesischer Katholiken beauftragend, mitarbeitend oder begleitend beteiligt war, sei hingewiesen:

 

  • Hubert Unverricht, Gundolf Keil (Hrsg.): De Ecclesia Silesia. Festschrift zum 25jährigen Bestehen der Apostolischen Visitatur Breslau. Sigmaringen 1997.
  • Winfried König (Hrsg.): Erbe und Auftrag der schlesischen Kirche. 1000 Jahre Bistum Breslau. Dülmen 2001.
  • Gregor Ploch: Heimatwerk Schlesischer Katholiken: Anfänge – Verlauf – Aussichten.  Erschienen als Band 16 der Reihe Arbeiten zur schlesischen Kirchengeschichte, Münster 2006.
  • Michael Hirschfeld, Johannes Gröger, Werner Marschall (Hrsg.): Schlesische Kirche in Lebensbildern Band 7. Münster 2006.

 

Dr. Bernhard Jungnitz